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Die Studierendenrevolte (anno 2009) PDF Drucken E-Mail
838 mal gelesen.
Geschrieben von: Heinz Gess   
Donnerstag, 17. Dezember 2009 um 20:54 Uhr
Eine Antwort auf eine Kritik der Revolte in einem offenen Brief  - mit einigen Vorschlägen, was zu tun und was besser zu lassen ist 

Man verkennt meines Erachtens das politische Geschäft hierzulande, wenn man mutmaßt, zwischen der simulierten Zustimmung der Politiker, Wirtschaftsbosse und Hochschulleitungen, die vor Ort zum Teil mit sehr rigiden, autoritären Methoden gegen den Protest der streikenden Studentenschaft vorgehen, während ihre politischen Vertreter in Kameras lächeln und Verständnis für den Protest bekunden, gäbe es einen Zusammenhang dergestalt, dass die Konzentration des studentischen Protests auf das “egoistische  Privatinteresse“ überhaupt erst die Zustimmung all dieser Damen und Herren zum studentischen Protest gegen das, was diese Damen und Herren doch selbst angerichtet haben, möglich gemacht habe. Die Herstellung eines solchen Zusammenhanges halte ich für eine bloße Konstruktion, eine Erfindung, und eine falsche dazu.
Was sich auf der politischen Ebene und in den Talkshows zurzeit abspielt, folgt einem hierzulande gängigen eingeübten politischen Muster, der Stillstellung von Protesten, Diskussionsvermeidung, Aussitzen und eingeübter Abwehr durch ein abstraktes, folgenloses Eingeständnis von Schuld.  Dieses Muster ist von den Inhalten, um die es jeweils geht, so wenig abhängig und so wenig darauf bezogen, wie der Tauschwert von Waren nach der Kritik der politischen  Ökonomie von Karl Marx auf ihren Gebrauchswert bezogen ist. Es wird unabhängig von den Inhalten, um die es geht, und insofern beliebig verwendet. Das einzige, was wirklich zählt,  ist die Funktion des Einsatzes des strategischen Musters. Es wird in jedem Managementseminar empfohlen und sogleich auch eingeübt und findet in der Politik, die mittlerweile auch als Management – Politikmanagement - betrieben wird, überall Anwendung, so auch in der Reaktion der Politik- und Wirtschaftsfunktionäre auf die studentischen Proteste. Das Muster funktioniert so:

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Kommentare (1)
Antwort auf Ihren Brief über die Kritik an der Revolte
1 Freitag, 18. Dezember 2009 um 10:57 Uhr
Dr. Eva Dalhaus
Sehr geehrter Herr Gess,

auch ich bedanke mich sehr für Ihren Brief. Ihre Gedanken führen mich sicherlich weiter bei dem Versuch, den Sinn oder Unsinn des gegenwärtigen Streiks zu deuten.
Dabei gibt wohl insbesondere der Teil "Wie sich in dieser Situation verhalten" überdenkenswerte Vorschläge, wie sich die einzelnen Gruppen im Hochschulraum verhalten können (sollten).

Sie sprechen insbesondere mit dem 5. Punkt ein wichtiges Thema an: "Die streikende Studentenschaft sollte sich sehr viel engagierter darum bemühen, kritische Hochschullehrer für die Sache der Streikenden zu gewinnen. Denn es geht in diesem Streik und dieser Revolte ja nicht nur um studentische Angelegenheiten, sondern um die zukünftige Struktur der Universität der Hochschulen. (...) Aber es gibt auch sehr viele andere, die den stattfindenden Umstrukturierungsprozess für falsch halten, ihn nicht wollen und sich an ihren Hochschulen bisher nicht zu Wort melden, (...) weil sie den Eindruck haben, dass die streikenden Studierenden ihre Solidarität nicht wollen. (...)

Mein Kommentar dazu: Genau das, was sie hier treffend analysieren, steht einem konstruktiven, gemeinschaftlichem Zusammenwirken von Studierenden und Lehrenden und damit einer früchtetragenden Revolte im Wege. Im Rahmen der Studierendenproteste wird gegenwärtig der Eindruck vermittelt, dass die Gemeinsamkeit und das gemeinschaftliche Handeln der Studierenden darauf basiert, sich als Individuum mit persönlichen (egoistischen) Interessen in einer Masse zusammenzutun, von welcher sich versprochen wird, einen materiellen Vorteil zu haben und diesen womöglich gegen die Hochschule selbst und ihre Vertreter - denn diese sind ja Schuld an der persönlichen Misere der Studierenden - durchzusetzen. Abgesehen von Ihren zum Teil sicherlich stimmigen theoretischen Erklärungsversuchen des studentischen Egoismus, den sie in den Egoismus der Analysierenden dieses Egoismus umzudeuten versuchen, halte ich es dabei für den falschen Ansatz, die studentischen Protestaktionen als pures Resultat des Versagens der Gesellschaft und der Hochschule als einer ihres materialisierten Funktionsorgane zu positionieren.
Mit einer derartigen Beschreibung sagen Sie im Grunde wiederum nichts anderes aus, als in Ihrem Anfangskommentar, welchen ich aufgegriffen habe: Es fehlt das reflexive Bewusstsein und das Bestreben, dieses reflexive Bewusstsein für das Gemeinwohl einzusetzen.

Gegenwärtig wird so manch einem Lehrenden und auch Außenstehenden, das heißt, keinen Vetretern der Universität der Eindruck vermittelt: Jeder kämpft gegen jeden, unabhängig davon, gegen wen man gerade kämpft, und was für Interessen diese Personen vertreten, und ob sich diese Personen eigentlich sogar auf der selben Seite befinden.
Auf dieser chaotischen und zerstrittenen Grundlage - die Sie in Ihrem Brief richtig definieren - tun sich sowohl für Interne als auch für die außenstehenden Betrachtenden Irrationalitäten auf, denen man in den Augen vieler entweder gar nicht oder aber mit kritisch-spöttischem Blick entgegentritt. Wenn es ganz schlimm kommt, wird dieses Chaos von gesellschaftlichen Gruppen außerhalb der Universität, die dieser nicht gerade positiv gegenüber stehen, ausgenutzt mit dem Ziel, die einzelnen Parteien der Uni in ihren Grundstrukturen und ihrem Zusammenhalt gegeneinander aufzuhetzen und sie damit umso angreifbarer zu machen.

Viele Grüße
Eva Dalhaus
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