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Kritik - Eine Einführung PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Heinz Gess   
Sonntag, 17. Mai 2009 um 19:00 Uhr
Mündigkeit ist für Demokratie wesentlich. Sie geht mit Kritik notwendig zusammen. Denn mündig ist nur, wer für sich selbst denkt und nicht bloß nachredet, was andere ihm vorgeredet haben. Das Selbst-Denken erweist sich aber erst in der Kraft zum Widerstand gegen voregebene Meinungen und - in eins damit - auch gegen vorgegebene Institutionen, überhaupt  gegen alles bloß Gesetzte, das sich mit seinem bloßen Dasein rechtfertigt. Solcher Widerstand, als Vermögen der Unterscheidung des Erkannten und des unter Autoritätszwang  Hingenommenen, ist eins mit Kritik. Demokratie verlangt die Freiheit zu solcher Kritik. Mehr noch:  Sie benötigt diese kritischen Impulse, oder sie wird zur leeren Form ohne Inhalt und stirbt von innen heraus ab.
 
Kritik als zentrales Motiv des Geistes ist nirgends in der Welt beliebt. Aber es gibt gute Gründe, bei der Kritikfeindschaft auch an spezifisch Deutsches zu denken. Hierzulande ist die Kritikfeindschaft mit der Rancune gegen den (Links-)Intellektuellen verbunden. Er war im obrigkeitsstaatlichen Deutschland den Oberen schon immer eine verhasste Figur. Aus einem Menschenrecht und einer Menschenpflicht des Bürgers wurde Kritik zu einem Privileg derer gemacht, die sich durch ihre Herrschaftsstellung  dazu qualifizierten.  Wer Kritik übt, ohne die Macht zu haben, seine Meinung durchzusetzen, der soll schweigen  – das ist die Gestalt, in der das Stereotyp vom beschränkten Untertanenverstand im Deutschland formal-demokratischer Gleichberechtigung heutzutage wiederkehrt. Wer kritisiert und dabei konkret wird, wird hierzulande sogleich als Narr, Querulant, abgefertigt. Mehr noch: Er wird durch die antikritische Struktur des öffentlichen Bewusstseins sehr leicht wirklich in die Situation des Querulanten gebracht und gerät dadurch in Gefahr, querulantenhafte Züge anzunehmen. Deshalb ist er  auf solidarische Kritik angewiesen. Auch dafür ist das Kritiknetz da.  

Kritik, die anerkannt werden will, gibt sich hierzulande stets als positiv aus. Das Wort schnappt geradezu automatisch  ein, als habe es eine beschwörende magische Funktion, so als fürchte ein jeder die wütende, zerstörerische Gewalt, den Amoklauf, wenn er der Kritik freien Lauf lässt, oder als müsse er sich vor solcher Projektion vorweg in Schutz nehmen. Der Gedanke liegt darum nahe, dass die Versessenheit aufs Positive sozialpsychologisch  ein Deckbild, „des unter dünner Hülle wirksamen Destruktionstriebes  (Adorno) ist.  „Die am meisten vom Positiven reden, sind einig mit zerstörender Gewalt.“ (Adorno)  Kritische Theoretiker sind einig mit dem Leiden der Menschen und ihrem Streben nach glücklichen Verhältnissen. Ihre Kritik zielt auf die Abschaffung von Herrschaftsverhältnissen, die es einigen Wenigen erlauben, von oben herab Kritik an den Menschen zu Gunsten des bestehenden Schlechten zu üben, in denen Wenige, wie vermittelt auch immer, über die vielen Anderen herrschen und sie mit ihrer "Kritik" zunichte machen können. Kritische Theorie ist Kritik, die den Weg zur besseren Praxis öffnet und die individuelle und gesellschaftliche Emanzipation voranbringt. Deshalb kann sie auch nicht die hierzulande so beliebte "positive Kritik" sein, sondern nur jene negative Kritik, die den Zwang zur Identifikation mit der Macht und seine individuellen und gesellschaftlichen Folgen in allen Bereichen unablässig thematisiert. Es geht ihr um eine gesellschaftliche Praxis, in der die Menschen ohne Angst verschieden sein können, weil sie ihre eigenen Kräfte als gesellschaftliche erkannt haben und sie nicht mehr in Gestalt von Kapital und Staat von sich entfremden.
Frei nach Adorno „Kritik“ (1969)

Heinz Gess  (Herausgeber des Kritiknetzes)
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